Haarsträubendes, Aufschlussreiches, Ekeliges, Visionäres: die 25. Grazer Praktikerkonferenz, so interessant wie kaum eine andere

0
1209
- Werbung -

 

Prof. Helmut Jaberg

Die heute zu Ende gehende 25. Praktikerkonferenz, organisiert und durchgeführt von Prof. Helmut Jaberg und seinem Team, war ein echtes Kommunikations- und Informations-Highlight. Hier wurde offen über die Vielzahl der überwiegend viel zu groß ausgelegte Pumpen gesprochen. Zu einer heftigen Diskussion kam es, als Planer und Hersteller die Frage diskutierten, „Wer ist daran schuld“? Es war Konsens, dass tatsächlich in vielen Bereichen die Pumpen weit überdimensioniert sind, doch die Verantwortung für dieses Desaster unter Energieeffizienz-Gesichtspunkten war nicht eindeutig zuweisbar.

Das faszinierende Spektrum aller Vortragsthemen sei hier kurz angerissen:

10 Jahre Digitalisierung aus KSB-Sicht beschrieb Dr. Stephan Bross in seinem Eröffnungsvortrag. Unter anderem gab er einen Ausblick, wie die KSB durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz nur aus Schwingungs- und Temperaturdaten eine Erkennung entwickelt, ob eine Pumpe läuft oder ausgeschaltet ist. Schon diese einfache Anforderung birgt erhebliche Tücken. Das System muss erkennen, ob Schwingungen von Nachbarpumpen oder aus der Umgebung kommen. Es wird ein gutes Initialverhalten an neuen Pumpen (out of the box) gefordert, ohne ‚Teach in‘-Verfahren. Durch kontinuierliches Lernen wird so eine perfekte An-/Aus Erkennung möglich.

Der Kavitation und den Druckstößen widmeten sich die Herren Bruno Maroccia von Sulzer und Stefan Höller von Jaberg & Partner.

Den Stand der Digitalisierung in Raffinerie und Chemie zeichnete sowohl Frank Stargardt, PCK Raffinerie GmbH, wie auch Roland Schumann, BASF SE. Sie skizzierten die Motivationen, die die Unternehmen antreiben, den Stand des Erreichten – insbesondere im Feld der vorausschauenden Wartung – und zeigten auch auf, was dies für die Maschinenhersteller bedeutet. Großanlagen haben einen großen Nachrüstbedarf bei Altanlagen bzgl. . Sensorik und IT-Infrastruktur. Klar dargestellt wurde auch, dass die Kosten für zusätzliche Sensoren und Dokumentationen deutlich gesenkt werden müssen. Auch sind aus Betreibersicht herstellerspezifische Lösungen nicht zielführend. Schumann machte dazu die klare Aussage: „Jeder hat seine eigene Cloud und wir werden BASF-Daten niemals in eine Cluod außerhalb geben.“ Das bedeutet, dass die Standardisierung in diesem Bereich vorangetrieben werden muss, um effiziente Datenintegration zu ermöglichen. Auch ist deren Einschätzung nach noch ein langer Weg zur zuverlässigen Vorhersage der Restlebenszeit einer Maschine.

Hermetische Pumpen in einem Ammoniakprozess zeigten Michael Rieger, Linde, und Achim Surber, Hermetic, in ihrem Vortrag. Äußerst spannend war deren Bericht über den Aufbau und die Installation und Inbetriebnahme einer Anlage im russischen Azot Togliatti, einer 280 Mio.€ Investition.

Die Abwasserpumpe, das Verstopfen durch Feuchttücher und die Verhinderung dieser ekeligen Zustände stellten Prof. Paul-Uwe Thamsen, Universität Berlin, und Mario Hübner, Wilo, in den Mittelpunkt ihrer Vorträge.

Herbert Hirsiger widmete sich in seinem Vortrag demselben Problem, doch unter einem völlig neuen Ansatz. Er zeigte, dass seit über 60 Jahren das Thema „Verstopfung“ schon immer ein Problem darstellt. Ganz gleich ob Stümpfe, Strumpfhosen, Wattestäbchen und Hygieneartikel bis zu den Feuchttüchern, immer wurde mit Modifikationen an der Pumpe

Live und online gehen hier Hand in Hand – sowohl bei den Vortragenden wie auch den Zuhörern

eine Lösung dieses Problems versucht. Er mahnte an, eben nicht nur die Pumpe als Schuldigen auszumachen, sondern sich immer das gesamte System in die Optimierung einzubeziehen. Er ist sich sicher, dass die Gesamtbetrachtung der Pumpaufgabe fehlt: „Das Pumpenumfeld wird vernachlässigt, als Angabe sind nur Q und H vorgegeben, genauere Informationen fehlen in den meisten Anfragen. Damit ist die Aufgabe ist nicht klar definiert!“ Er fordert eine Verständnisanalyse, dabei soll der Kunde definieren „Was will ich unter welchen Voraussetzungen“ und der Lieferant sollte kurz und klar beschreiben „Wie erfülle ich die Anforderung“. Für dieses Vorgehen fehlt es aus seiner Sicht aber an Fachwissen bei Ingenieurbüros, Lieferanten und Betreibern. Er schloss seinen Vortrag mit der Aufforderung an alle Anwesende: „Wir alle, die hier anwesend sind müssen noch mehr Aufwand betreiben, um neues Personal zu schulen! Und Fachkräfte sollen je nach Aufgabe untereinander ausgetauscht werden!“

Instandsetzungsprojekte von Pumpstationen bei Hamburg Wasser, eine Inbetriebnahme-Strategie für Pumpen und neues Altes aus der Betreiberpraxis waren faszinierdende Highlight-Vorträge von Michael Rix, Hamburg Wasser, Dr. Jürgen Weinerth, BASF, und Dr. Peter Fischer, Vestolit. Das waren echte Praxisinformationen von höchstem Informationsgehalt – Anmerkung der Redaktion: selten so tiefgehende und inhaltsreiche Vorträge gehört.

Darüber hinaus wurden folgende Themen präsentiert:

  • Auf Spurensuche mit den Servicedetektiven nach Bad Actor Pumps, Thorsten Reder, KKSB Service
  • Überarbeitung Maschinen Richtlinie 2006/42/EG, Frank Ennenbach, Europump
  • Atex-Konformitätsbewertung von trocken aufgestellten Pumpen, Matthias Himstedt, Physikalisch Technische Bundesanstalt
  • Vorzeitige Ausfälle bei der Förderung korrosiver Flüssigkeiten, Holger Döbert
  • Optimierung metallischer Werkstoffe für den metallischen 3D-Druck zur Anwendung im Maschinenbau, Dr. Alexander Böhm, KSB
  • Instandhaltungskonzept für die Pumpenpopulation der Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH, Peter Michael Rainer
  • Erhöhung der Ausfallsicherheit von Exzenterschneckenpumpen, Erwin Weber, Netzsch
  • Neues rund um die Zahnradpumpe, Torben Bubelach, Witte Pumpen
  • Die Spaltrohrmotorpumpe aus Hersteller-und Betreibersicht, Michael Maier, Hermetic-Pumpen
  • Mit automatisierter Optimierung von der Projekt-Gleitringdichtung zu einem Standarddesign für zweiphasige Medien, Dr. Felix Meier, Eagle Burgmann

Ein herausragendes Themenspektrum nahezu ohne jeden Werbeschnickschnack. Also eine Konferenz, die ihr Geld und den Zeiteinsatz wirklich wert ist. An der Jubiläums-Praktikerkonferenz 2021 nahmen live und online  fast 150 Spezialisten teil – für alle Corona-gerecht umgesetzt. Die nächste Veranstaltung findet Anfang September 2022 in Graz statt.

www.praktiker-konferenz.com

- Werbung -

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Fügen Sie bitte Ihr Kommentar ein!
Geben Sie hier bitte Ihren Namen ein